Was ist Offener Unterricht?
Oftmals wird angenommen, Offener Unterricht wäre eine Unterrichtsmethode. Wer dies behauptet liegt nicht ganz falsch, bewegt sich jedoch auf sehr dünnem Eis. Es existiert nicht DER Offene Unterricht. Es gibt keine konkreten und einheitlichen Umsetzungsmethoden. Zwar gibt es verschiedene Merkmale an denen ein Offener Unterricht erkannt werden kann, insbesondere ein dominierender Selbstbestimmungsanteil seitens der Schüler in organisatorischen, inhaltlichen und methodischen Unterrichtsbereichen. Auch Organisationsformen wie Wochenplanarbeit, Freiarbeit, Werkstattarbeit und Freiarbeit sind gern gesehene Organisationsmöglichkeiten im Offenen Unterricht. Aber ein Offener Unterricht kann von Klassenraum zu Klassenraum jedoch ganz unterschiedliche Formen und Qualitäten aufweisen. Daher kann nicht pauschal gesagt werden, ein Offener Unterricht wäre immer etwas Gutes oder Schlechtes. Die Qualität hängt ganz entschieden von den Beteiligten Schülern und natürlich insbesondere von der organisatorischen und pädagogischen Kompetenz der Lehrkraft ab. Insofern muss jeder offene Unterricht individuell bewertet werden.
In erster Linie ist Offener Unterricht eine Reformbewegung, die dem traditionellen lernzielorientiertem Unterricht trotzt. Hier liegt auch der wesentliche Unterschied zum Individualisierten Lernen.
Offener Unterricht weist in seinen ursprünglichen Intentionen einen eher idealistisch-humanitären und revolutionistischen Charakter auf, der vereinzelt sogar bis in die Esoterik reichen kann: Kinder respektieren und wertschätzen, Selbstständigkeit und Selbstbestimmung zutrauen und fördern, (Lern-)Freiheit, Respekt, seelische Entwicklung, freie und kreative Entfaltung etc., aber auch das Verändern des Bildungssystems durch Widerstand.
Individualisiertes Lernen weist in seinen ursprünglichen Intentionen einen eher fachlich-kognitiven Charakter auf: die individuell-fachliche Förderung jedes einzelnen Kindes auf Basis seines individuellen Lernstandes, Förderdiagnostik, Förderpläne, individuelle Stoffverteilung etc.
Die Gemeinsamkeit beider Unterrichtsideale liegt vor Allem in der veränderten Lehrerrolle. Der Lehrer fungiert in beiden Ansichten nicht mehr als ein Lehrender, der sein Wissen an andere weitergibt, sondern viel mehr als ein Lernbegleiter und Lernberater.
Kurzer Exkurs: Tatsächlich kann ein Individualisiertes Lernen fast identisch zu einem Offenen Unterricht ausfallen und umgekehrt, da im Offenen Unterricht naturgemäß bereits sehr viel Individualisierung steckt und im Individualisierten Unterricht oftmals auch eine Öffnung des Lernens. Ratsam wäre bestimmt eine wechselseitige Fusion beider Unterrichtsideale: ein wenig mehr Förderdiagnostik und konkret-fachliche Förderung im Offenen Unterricht und ein wenig mehr humanitär-idealistische Ansätze im Individualisierten Unterricht. Man könnte auch bildlich sagen, Individualisierter Unterricht stellt den Kopf und Offener Unterricht die Seele einer neuartigen Unterrichtskultur dar. So kann ein Unterricht entwickelt werden, der den Kindern in einer ganzheitlichen Weise gerecht wird. "Offener Unterricht mit Methode" verfolgt genau dieses Ziel.
Zurück zum Offenen Unterricht: In Deutschland gibt es recht unterschiedliche Literatur zu diesem Thema. Es existiert eine sehr populäre Abhandlung zum offenen Unterricht, die aussagt, ein Offener Unterricht wäre nur dann ein wirklich vollwertiger und akzeptabler Offener Unterricht, wenn die Kinder eine nahezu bedingungslos uneingeschränkte Lernautonomie besitzen. Dies geht so weit, dass die Kinder nicht nur selbst entscheiden WAS sie lernen, sondern auch OB sie etwas lernen wollen. An dieser Stelle schlage ich eine Trennung vor, da diese Lernform dem Terminus "Unterricht" nicht mehr gerecht wird (Unterricht ist ein Interaktionsgeschehen, bei dem Individuen unter pädagogischer Begleitung in planmäßig initiierten und geführten Lernprozessen, zum Ziele ihrer Qualifikation, Personalisation und Sozialisation, ausgewählte Inhalte von Kultur aufnehmen und weiterentwickeln). Für eine solch weitreichende Freistellung des Schülerhandelns wäre der Begriff des "Freien Lernens" weitaus passender. Ein Offener Unterricht würde dann im Umkehrschluss eine Lernform bedeuten, in der Kinder weitgehend frei über Form, Zeit und Inhalt ihres eigenen Lernens bestimmen können, die grundlegende Arbeit am eigenen Lernprozess jedoch Pflicht ist.
Die Möglichkeiten der Unterrichtsöffnung werden allgemein mit organisatorischen, inhaltlichen, methodischen und sozial-integrativen Aspekten beschrieben. Ich schlage im Sinne der Transparenz eine leicht expandierte, jedoch auf diesen Bausteinen basierende, Aufteilung von Öffnungsformen im Unterricht vor:
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9 Bereiche der Unterrichtsöffnung:
Zeitliche Öffnung:

Die Kinder dürfen selbst entscheiden zu welchem Zeitpunkt und in welcher Reihenfolge sie an den unterschiedlichen Aufgabenstellungen arbeiten.
Diese Maßnahme ist erforderlich, da alle Kinder über ein unterschiedliches Lerntempo verfügen. Durch die organisatorische Öffnung werden fließende Übergänge zwischen den einzelnen Aufgabenstellungen geschaffen, so dass jedes einzelne Kind die Zeit für eine Aufgabe aufbringen kann, die es benötigt. Weiterhin hilft die diese Öffnungsform bei der Durchführung von Aufgaben für die Materialien benutzt werden sollen, die jedoch nicht für jedes einzelne Kind vorhanden sind. Beispiel: Alle Kinder sollen eine Aufgabe am Computer bearbeiten. Es sind jedoch nur 4 Computer im Klassenraum vorhanden. Also müssen die Kinder über den Schultag/ die Schulwoche verteilt diese Aufgabe erledigen. Eine organisatorische Öffnung macht dies möglich.
Quantitative Öffnung:

Die Kinder können entscheiden/ mitentscheiden in welchem Umfang sie ihre Aufgaben bearbeiten.
Auch diese Maßnahme ist wichtig, um die unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten der Kinder zu berücksichtigen. Die Kinder sollen lernen, ihre eigenen Potentiale selbst realistisch einzuschätzen, in dem sie selbst entscheiden, wie viel quantitative Leistung sie sich schon zutrauen. Die Lehrkraft ist nicht immer in der Lage das quantitative Leistungsvermögen der Kinder von Woche zu Woche genau einzuschätzen. Oft kommt es zu Über- und Unterforderungen.
Qualitative Öffnung:

Die Kinder bekommen Aufgaben, dessen Schwierigkeitsgrad sie selber einstellen können (z.B. im offenen Schreiben) oder besprechen gemeinsam mit der Lehrkraft qualitativ geeignete Aufgaben, die dann von der Lehrkraft für das Kind passend gewählt und zugeteilt werden. Auch die Erwartungshaltung an die Kinder im qualitativen Bereich wird kindentsprechend angepasst.
Dieser Öffnungsbereich ist von besonders großer Bedeutung für das individualisierte Lernen, da es hier darum geht, jedes Kind optimal zu fördern, ohne es zu überfordern. Um dies zu erreichen, muss ein intelligentes System der Aufgabenverteilung existieren, dass sowohl Aufgaben für schülergesteuerte Individualisierung und lehrergesteuerte Individualisierung beinhaltet. Die qualitative und die quantitative Öffnung gehen oft Hand in Hand.
Methodische Öffnung:

Die Kinder dürfen selbst entscheiden, auf welche Art und Weise sie eine Thematik erschließen.
Durch diese Öffnungsmaßnahme werden die unterschiedlichen Lernkanäle unterstützt. Die Kinder sollten vorher verschiedene Lernmethoden kennengelernt haben, um hier eine sinnvolle Auswahl treffen zu können. Diese Lernmethoden sollten im gewissen Maße die unterschiedlichen Lernkanäle (auditiv, visuell, kommunikativ, motorisch/haptisch) in Kombination beinhalten. Allerdings kann eine Methode durchaus einen Schwerpunkt aufweisen:
1) Schwepunkt auditiv und visuell: z.B. eine Videodukumentation auswerten, Ergebnisse verschriftlichen und anschließend präsentieren
2) Schwepunkt visuell: z.B. Informationen aus Texten und Grafiken entnehmen, Ergebnisse verschriftlichen und präsentieren
3) Schwerpunkt kommunikativ: z.B. erarbeiten von Informationen innerhalb einer sich austauschenden Gruppe
4) Schwerpunkt motorisch/haptisch: z.B. Informationen sammeln und in Rollenspielen, Sketchen u.Ä. verarbeiten, reelle Beispiele (Pflanzen, Gegenstände, Tiere etc.) untersuchen
Ein allgemeines Arrangement zur Unterstützung aller Lernkanäle könnte z.B. wie folgt aussehen:
a) Eine Kleingruppe von Kindern sucht sich Video- und Textinformationen zu einem interessanten Thema und sichten diese.
b) Jedes Kind erstellt ein eigenes Mind-Map zur Thematik.
c) Mit Hilfe der einzelnen Mind-Maps erstellen die Kinder im kommunikativen Austausch ein gemeinsames großes Mind-Map
d) Die Kinder erstellen aus diesem Mind-Map schriftlich ein Lernplakat, eine kleine Vorführung (Rollenspiel, Sketch, zeigen von mitgebrachten Beispielen) und einen Quizfragebogen zum Thema.
e) Die Ergebnisse werden anhand des Lernplakates und der Vorführung der Klasse präsentiert.
f) Zur Reflexion bekommen alle Kinder das Quiz zum Thema und versuchen dies zu lösen.
Kooperative Öffnung:

Die Kinder dürfen selbst entscheiden, ob sie alleine, mit einem Partner oder (wenn dies beherrscht wird) in einer Gruppe arbeiten. Weiterhin können sie selbst wählen mit wem sie zusammen arbeiten möchten.
Diese Öffnung ist notwendig, um dem kommunikativen Lerntypen bzw. dem nicht-kommunikativen Lerntypen gerecht zu werden. Daher sollten sie entscheiden können, ob sie lieber für sich alleine in Ruhe oder mit anderen Kindern zusammen arbeiten möchten.
Inhaltliche Öffnung:

Die Kinder können selbst entscheiden mit welcher Thematik sie sich beschäftigen.
Es ist zu unterscheiden zwischen:
a) halb-inhaltliche Öffnung: Die Kinder haben ein Oberthema (z.B. die Länder der Welt) und dürfen sich innerhalb dieses thematischen Rahmens einen eigenen Schwerpunkt aussuchen (z.B. Nigeria).
b) voll-inhaltliche Öffnung: Die Kinder können aus den gesamten Weltwissen ein Thema wählen.
Im Sinne der Interessensorientierung werden so die ganz unterschiedlichen Interessen jedes einzelnen Kindes berücksichtigt.
Räumliche Öffnung:

Die Kinder können selbst entscheiden wo sie arbeiten.
Oftmals ist es nicht notwendig die Kinder an ihren Arbeitsplatz zu binden. Es kann sehr lernfördernd sein, unterschiedliche Lernorte zur freien Auswahl zu stellen.
Persönliche Öffnung:

Ein gut funktionierender Offener Unterricht ist ein überaus kompliziertes Gebilde, welches nur entstehen kann, wenn unterschiedliche Faktoren harmonisch zusammenarbeiten. Eine offene Lernkultur setzt u.A. auch Geborgenheit und Vertrauen voraus. Wie sollte dies möglich sein, ohne eine persönliche und charakterliche Öffnung im Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer und umgekehrt.
Es existieren Bilder über die Lehrerrolle, die aussagen, dass Lehrerprofessionalität dort anfange wo Authentizität ende. Ein Lehrer müsse eine Rolle spielen und so und um jeden Preis seine Autorität bewahren. Diese Einstellung ist Schuld an der riesigen Kluft, die oftmals zwischen Schüler und Lehrer steht. Sie ist Schuld daran, dass sich keinerlei zwischenmenschliche Bindung zwischen Lehrkraft und Schüler entwickeln kann. Doch lernen ist zweifelsohne eine sehr persönliche, gar intime Angelegenheit.
Ohne die persönliche Öffnung in der Lernkultur wird das Lernen der Kinder im wahrsten Sinne des Wortes gehemmt.
Sozial-Integrative Öffnung:

Die Kinder sind maßgeblich an den Entscheidungen, die Unterricht und Schule betreffen, beteiligt.
Das Einführen und Umsetzungen von Regeln, Entscheidungen etc. allein durch Lehrerhand ist nicht immer die beste Vorgehensweise. Oftmals akzeptieren und verinnerlichen Kinder diese Dinge wesentlich besser, wenn sie selbst an Entscheidungen beteiligt sind und über eine demokratische Wahl- und Entscheidungsfreiheit verfügen.
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Ein Offener Unterricht ist nur als ein solcher zu bezeichnen, wenn er alle oder zumindest einen sehr deutlichen Großteil dieser Öffnungsbereiche effektiv umsetzt. Werden im Unterricht nur kleine Teile übernommen und dies wohl möglich eher partiell, dann ist der Begriff "Geöffneter Unterricht" angebrachter.
Falls Sie Ihren Unterricht auf die Offenheit hin überprüfen möchten, dann finden Sie
hier einen geeigneten Evaluationsbogen.