Was ist individualisiertes Lernen? Zu Beginn ist es wichtig zu verdeutlichen, dass Individualisiertes Lernen keine einheitlich festgelegte Lern- oder Lehrmethodik darstellt. Es ist viel mehr eine ideelle Vorstellung darüber, wie Unterricht sein sollte. Eine allgemeingültige Konzeption zur Umsetzung individualisierten Lernens gibt es bisher nicht. Allerdings lassen sich mittlerweile immer mehr Umsetzungsideen finden. Auch bildungspolitische Maßnahmen zur Unterstützung individualisierten Unterrichts finden statt. Individualisiertes Lernen meint einen Unterricht, in dem jedes Kind als ganz eigenständiger und spezieller Lerner betrachtet und ernst genommen wird. Ein jedes einzelne Kind soll innerhalb einer Lerngruppe berücksichtigt und individuell unterstützt werden. Der Lehrer richtet seinen Blick also nicht auf eine zu unterrichtende Gesamtgruppe, sondern auf eine Vielzahl einzelner, gänzlich unterschiedlicher Lernindividuen. Dabei steht die individuelle Förderung jedes einzelnen Kindes als oberstes Ziel im Mittelpunkt. Eine individuelle Förderung kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Am meisten wird das individuelle Fördern auf der Fach- und Leistungsebene beschrieben.
• Fach- und Leistungsebene:
Jedes Kind wird gemäß seines individuellen Leistungspotentiales und Lernstandes in den unterschiedlichen fachlichen Kompetenzbereichen gefördert.
Es existieren jedoch drei weitere Ebenen der individualisierten Förderug:
• Ebene des persönlichen Lernstils:
Nicht alle Kinder lernen gleich. Unterschiedliche Lernwege und inhaltliche Zugänge werden ermöglicht und gefördert. Auch der unterschiedliche Zeitumfang, den Kinder zum Lernen benötigen, wird berücksichtigt.
• Persönliche Interessensebene:
Das persönliche Interesse des Kindes wird berücksichtigt und unterstützt.
• Personale und emotionale Ebene:
Die individuelle Persönlichkeit, die persönlich-emotionale, soziale und gesundheitliche Lage des Kindes werden berücksichtigt.
Es ist nicht klar definiert, wann ein individualisierter Unterricht als solcher bezeichnet werden darf. Die wichtigste Frage die sich stellt ist wohl die Frage danach, ob ein Unterricht der lediglich das unterschiedliche Leistungsniveau der Kinder berücksichtigt als vollwertiger individualisierter Unterricht bezeichnet werden kann. Oder sieht man die vier oben genannten Ebenen als Kriterien an und erst bei Erfüllung aller vier Kriterien wird dem Anspruch an individualisiertes Lernen Genüge getan? Ich denke, es kann getrost gesagt werden, dass die letztgenannte Variante anstrebenswert ist, zumindest dann, wenn die Begrifflichkeit des "Individuellen" genau genommen wird und man dem Individuum nicht nur teilweise sondern auf einer ganzheitlichen Ebene gerecht werden will. Weiterhin wichtig zur Kategorisierung individualisierten Lernens sind die Umsetzungsformen der Individualisierung.
Hier können drei wesentliche Unterschiede festgestellt werden:
• Lehrergesteuerte Individualisierung:
Die Individualisierung geht vom Lehrer aus. Die Aufgaben und deren Schwierigkeitsgrad, das Material, Förderinhalte, der Lernort, die Lernzeit und die für das Individuum relevanten Inhalte werden weitgehend von der Lehrkraft bestimmt und zugewiesen. Hilfestellungen und das Geben von Ratschlägen gehen von der Lehrkraft aus. Auch: extrinsische Individualisierung.
Innerhalb des lehrergesteuerten Unterstützungssystems kann unterteilt werden in:
- direkte Unterstützung: Die Lehrkraft greift aktiv-handelnd in den individuellen Lernprozess des Kindes ein (z.B. der Lehrer gibt direkte Hilfestellungen: erklären, beraten, veranschaulichen etc.).
- indirekte Unterstützung: Die Lehrkraft übt indirekten Einfluss auf den individuellen Lernprozess des Kindes durch das Geben von Impulsen, die Bereitstellung oder Zuteilung spezieller Unterstützungsmittel , die auf das Kind abgestimmt sind, aus. In diesem Bereich bieten insbesondere die neuen Medien große Möglichkeiten, um die Lehrerunterstützung handhabbarer, effektiver und kontrollierbarer zu gestalten.
• Schülergesteuerte Individualisierung:
Die Individualisierung geht von dem Schüler selbst aus. Die Aufgaben und deren Schwierigkeitsgrad, das Material, der Lernort, die Lernzeit und die Inhalte werden weitgehend vom Individuum selbst bestimmt. Das Kind sucht sich seine Hilfequellen selbst aus (vor allem auch Mitschüler) und fordert eine Beratung eigenaktiv ein. Auch: intrinsische Individualisierung
• Kooperative Individualisierung:
Innerhalb kooperativer Lernformen unterstützen sich die Kinder gegenseitig. In einer gut organisierten Lernkultur kann allein durch das kooperative Miteinander der Schüler, ohne Zutun der Lehrkraft, ein großer Anteil an individueller Förderung geleistet werden. Aus diesem Grunde wird immer mehr auf jahrgangsübergreifendes Lernen zurückgegriffen.
Die Schwierigkeit mit der lehrergesteuerten Individualisierung ist die, dass die Lehrerkraft zum einen nicht immer in der Lage sein kann, die optimalen Entscheidungen und Einschätzungen für das Kind zu treffen. Zum anderen ist es organisatorisch kaum durchführbar, jedem einzelnen Schüler tagtäglich einen zugeschnittenen Individualisierungsservice alleinig aus Lehrerhand zu bieten.
Die Schwierigkeit mit der schülergesteuerten Individualisierung ist die, dass auch Schülern auf der anderen Seite in vielen Bereichen der Überblick darüber fehlt, welches der nächstbeste Lernschritt für sie ist.
Auch die kooperative Individualisierung findet immer wieder ihre Grenzen und kann, alleine stehend, nicht den gewünschten Grad an Individualisierungsqualität erzeugen.
Daraus lässt sich schließen, dass ein individualisiertes Lernen nur dann effektiv funktionieren kann, wenn sowohl extrinsische als auch intrinsische und kooperative Individualisierung im ausgewogenen Maße nebeneinander eingesetzt werden und sich wechselseitig ergänzen.
Genau dieses ist zentraler Inhalt im Konzept "Offener Unterricht mit Methode"
In "Hilbert Meyer - Was ist guter Unterricht?" werden Indikatoren für Individualisierten Unterricht wie folgt genannt: Das Arbeiten an unterschiedlichen Aufgaben / nach Thema, Interessensschwerpunkten und Leistungsvermögen, unterschiedliche Lehrbücher, Lernmaterialien und Arbeitshilfen / zusätzliche Hilfen für schwache Schüler / Reflexion des Lernfortschritts seitens der Schüler (Metakognition) / Lernschleifen / Lernstandsdiagnostik und Förderpläne für schwache Schüler / genügend Zeit steht zur Verfügung / Die Möglichkeit einer Auszeit / Kinder mit gesundheitlichen Problemen werden berücksichtigt / die Möglichkeit zur Arbeit an eigenen Schwerpunkten / Sensibilisierung der Kinder für Leistungsunterschiede – Kinder unterstützen sich gegenseitig / transparente Lesitungserwartungen / ggfs. additive Unterrichtsangebote
Individualisierter Unterricht - ein Definitionsvorschlag:
Individualisierter Unterricht ist ein Unterricht, der sich auf die spezifisch-fachlichen Leistungsniveaus, die persönlichen Neigungen und Interessen eines jeden Schülers einstellt, diese fördert und dabei sowohl den persönlichen Lernstil als auch die soziale, emotionale und die gesundheitliche Lage jedes Kindes berücksichtigt.
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